Anfang Januar 2025 machten wir uns auf den Weg nach Äthiopien, um das Herkunftsland unseres Flamingos und Kolibris nicht nur auf der Kaffeekarte, sondern vor allem vor Ort kennenzulernen. Ziel der Reise war es, die Menschen hinter unseren Kaffees zu treffen, Washing Stations zu besuchen und ein besseres Verständnis dafür zu entwickeln, wie viel Arbeit, Wissen und Sorgfalt in jedem einzelnen Lot steckt. Dieser Beitrag ist kein klassischer Reisebericht entlang einzelner Tage, sondern ein Stimmungsbild unserer Eindrücke aus einem Land, das wie kaum ein anderes mit Kaffee verbunden ist. Eine Übersicht zu Äthiopien als Kaffee-Ursprung findest du zudem hier.

Erste Eindrücke sammeln in Sidama
Schon die Ankunft im Süden Äthiopiens machte deutlich, wie zentral Kaffee hier im Alltag verankert ist. In Sidama und Yirgacheffe, zwei der bedeutendsten Anbaugebiete des Landes, ist jedes kleine Dorf und jede Siedlung von Washing Stations umgeben – eingebettet in grüne Hügel, durchzogen von roten Lehmpisten und dichten Wäldern. Gemeinsam mit Shashamou Dukale, der zusammen mit seinem Bruder unter dem Namen Dukale Wakayo Dakola zahlreiche Washing Stations betreibt, und Fantanesh, Q-Graderin und Qualitätsmanagerin bei Belco – unserem Importeur mit fester Agency in Äthiopien - tauchten wir tief in diese Welt ein. Obwohl mitten in der Hochsaison, nahmen sich beide die Zeit, uns Shashamous Heimat Sidama zu zeigen – von Daye Bensa über Dembi Segara und Huro bis hin zur beeindruckenden Shantawene Washing Station.
Gerade Shantawene blieb uns besonders im Gedächtnis. Hinter einem unscheinbaren Zufahrtstor öffnet sich ein weiter Südhang mit hunderten Drying Beds, die sich in Reihen über das Gelände ziehen. In der Nachmittagssonne trocknet hier Kaffee, während Mitarbeitende diesen routiniert wenden, sortieren und kontrollieren. Der Blick schweift über sattes Grün, roten Boden und das Tal darunter – eine Szenerie, die gleichzeitig geschäftig und fast meditativ wirkt. Hier wird deutlich, dass Aufbereitung kein isolierter Prozess ist, sondern eng mit Landschaft, Klima und Erfahrung verknüpft ist. Die Natural, anaerobic natural, washed oder anaerobic washed Aufbereitung sind hier keine abstrakten Kategorien, sondern tägliche Praxis, angepasst an Erntezeitpunkt, Wetter und gewünschtes Profil.

Kaffeekultur und besuchte Washing Stations
Ebenso prägend wie die Arbeit an den Drying Beds war die Begegnung mit der äthiopischen Kaffeekultur selbst. An nahezu jeder Station wurden wir mit Injera empfangen, dazu Fleisch, Gemüse und frisch gerösteter Kaffee. Die traditionelle Kaffeezeremonie – vom Rösten über offenem Feuer bis zum mehrmaligen Aufgießen in der Jabana – ist weit mehr als Ritual: Sie ist sozialer Mittelpunkt, Ausdruck von Gastfreundschaft und fester Bestandteil des Alltags. Die ersten Tassen der Jabana sind schwer und intensiv, vergleichbar mit einer kräftigen Bialetti, die folgenden zunehmend feiner und klarer, eher an eine French Press erinnernd. Äthiopien ist das einzige Kaffeeursprungsland mit einer historisch gewachsenen eigenen Kaffeekultur – und genau das spürt man in diesen Momenten.
Auf dem Weg nach Yirgacheffe besuchten wir weiter kleinere Washing Stations wie Bura, Arbegona und Layo. Viele Bilder ähnelten sich auf den ersten Blick – Drying Beds, Höhenlagen, weite Landschaften –, doch jede Station erzählte ihre eigene Geschichte. Manche werden erst seit Kurzem unter neuer Leitung betrieben, andere investieren gezielt in zukünftige Lots, deren erste Ernten noch Jahre entfernt liegen. Besonders eindrucksvoll war zu sehen, wie sich faire Strukturen und konstante Qualitätsarbeit ganz konkret auswirken: steigende Kilopreise, bessere Infrastruktur, langfristige Perspektiven für die umliegenden Gemeinden.

Chelchele – die Heimat des Flamingos und des Kolibris
Ein zentraler Ort unserer Reise war schließlich die Gemeinde Chelchele – die Heimat unseres Flamingos und unseres Kolibris. An den Washing Stations Banko Gotiti und Halo Beriti wird hier unser Flamingo sonnengetrocknet und unser Kolibri gewaschen aufbereitet.
Mit ihren Dimensionen setzte die Banko Gotiti Washing Station auf unserer Reise neue Maßstäbe: hunderte Drying Beds, zahlreiche Fermentationsbecken, ein volles Rohkaffeelager und eine Lage auf fast 2.500 Metern Höhe. Hier wird Kaffee über rund 20 Tage hinweg langsam getrocknet, regelmäßig gewendet und in der Mittagshitze beschattet, um den Prozess gezielt zu steuern. Das Ergebnis sind Kaffees mit einer klaren, intensiven Aromatik, wie sie typisch für den Süden Yirgacheffes ist. Die komplexen beerigen Aromen unseres Flamingo, die von leichten Schwarzteenoten abgerundet werden, sowie sein saftiges Mundgefühl werden genau hier maßgeblich geprägt. Den Ursprung dieser geliebten Tasse Kaffee kennenlernen zu dürfen, machte diesen Ort zu einem emotionalen Erlebnis.
Ebenso erging es uns an der Halo Beriti Washing Station: Der Heimat unseres Kolibris.
Hier liegt der Fokus, im Gegensatz zu den meisten Washing Stations unserer Reise, nicht auf den Trocknungsprozessen der Natural-Aufbereitung, sondern auf der gewaschenen Weiterverarbeitung. Bei Ankunft wird der Kaffee entpulpt, gewaschen und anschließend für mindestens 14 Tage in der Sonne auf Hochbetten getrocknet. Hier entstehen durch eine eher bakterielle und reduziertere Fermentation Klarheit, Spritzigkeit und eine doch überraschend saftige Textur. Kombiniert mit einem intensiven, typischen Aroma der Region finden wir in unserem Kolibri Noten wieder, die an Pfirsich, Aprikose, Jasmin und Bergamotte erinnern und die Eleganz äthiopischer Spezialitätenkaffees in Gänze wiederspiegeln.

Wertschöpfung, Qualitätskontrolle und unsere Partner vor Ort
Nach den Tagen in den Anbaugebieten führte uns die Reise zurück nach Addis Abeba. Dort wurde ein weiterer, oft unterschätzter Teil der Wertschöpfungskette greifbar: das Second Processing. In den Anlagen von METAD werden die Kaffees final von Pergament und letzten Fruchtresten befreit, nach Dichte, Größe, Optik u.v.m. sortiert und sensorisch geprüft. Hier entscheidet sich, ob ein Kaffee sein Potenzial auch wirklich bis zur Rösterei trägt. Beim abschließenden Cupping im Belco Headquarter konnten wir genau das nachvollziehen: Kaffees aus den Washing Stations, die wir besucht hatten, Seite an Seite verkosten und systematisch mit höchster Konzentration bewerten. Zudem kamen wir hier in den Genuss, Fantanesh und ihre Kolleginnen durch den Alltag einer Q-Graderin zu begleiten und noch vieles über die objektive sensorische Qualitätskontrolle eines Kaffeeimporteurs zu lernen.
Diese Reise hat unseren Blick auf äthiopischen Kaffee nachhaltig verändert. Sie hat gezeigt, wie viele Hände, Entscheidungen und Zwischenschritte nötig sind, bevor eine Bohne bei uns im Röster landet. Gleichzeitig wurde deutlich, wie wichtig verlässliche Partner sind. Mit METAD und EDN als Exporteur sowie Belco als Importeur arbeiten wir mit Akteuren zusammen, die Qualität, Transparenz und langfristige Beziehungen ernst nehmen. Nur so ist es uns möglich, Kaffee nicht nur zu handeln, sondern uns auch an Projekten vor Ort zu beteiligen – etwa am Aufbau von Baumschulen oder an langfristigen Entwicklungsmaßnahmen.
Persönliche Perspektive
Für mich persönlich war diese Reise eine prägende Erfahrung. Nur ein halbes Jahr vor Reiseantritt schrieb ich noch meine Bachelorarbeit über die Kaffeewertschöpfungskette und nun stand ich selbst zwischen Drying Beds, habe Kaffeekirschen probiert und konnte Prozesse, die sonst abstrakt wirkten, unmittelbar erleben. Dieses Wissen fließt heute direkt weiter an unsere Kolleg:innen, in die Kundengespräche und in die Kurse unserer Kaffeeschule. Äthiopische Kaffees waren für mich schon vorher geschmacklich etwas Besonderes – nach dieser Reise sind sie untrennbar mit Orten, Menschen und Erinnerungen verbunden.
Jedes Mal, wenn wir heute den Flamingo oder Kolibri rösten, aufgießen oder servieren, durchleben wir wieder Stück dieser Reise und freuen uns, dies Eindrücke mit euch zu teilen.
